Mark Twain auf dem Dilsberg (1878)

Ausflug auf den Dilsberg und eine tragische Legende 
 

Wir erreichten pünktlich den Hafen Neckarsteinach, gingen zum Hotel und bestellten eine Forellenmahlzeit, die bereitstehen sollte, wenn wir von einer zweistündigen Wanderung zu Dorf und Burg Dilsberg zurückkämen, welche eine Meile entfernt am anderen Ufer des Flusses liegen. Ich meine damit nicht, dass wir für zwei Meilen zwei Stunden brauchen wollten - nein, die meiste Zeit wollten wir dazu verwenden, Dilsberg zu besichtigen.
 
Denn Dilsberg ist ein wunderlicher Ort. Er ist auch höchst wunderlich und malerisch gelegen. Man stelle sich vor, der schöne Fluss liege vor einem; dann ein paar Dutzend Yard leuchtendgrünen Rasens auf dem gegenüberliegenden Ufer; dann ein schroffer Berg - keine vorbereitenden, sanft ansteigenden Hänge, sondern sozusagen ein sich unvermittelt erhebender Berg - ein Berg, der zweihundertfünfzig oder dreihundert Fuß hoch ist, rund wie eine Schüssel, mit derselben Verjüngung nach oben wie eine umgestülpte Schüssel, mit etwa demselben Verhältnis der Höhe zum Durchmesser, wie es eine richtig tiefe Schüssel aufweist - ein Berg, der dicht mit grünem Gebüsch bedeckt ist, ein hübscher, wohlgestalteter Berg, der jäh aus der Eintönigkeit der umgebenden grünen Ebenen emporragt, aus großer Entfernung von den Windungen des Flusses her sichtbar ist und oben auf dem Scheitel gerade genug Platz hat für sein mit Türmen, Spitzen und dicht gedrängten Dächern geschmücktes Käppchen aus Gebäuden, die zusammengedrängt und zusammen gepresst innerhalb des vollkommen runden Reifens der alten Stadtmauer liegen.

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Auf dem ganzen Berg gibt es außerhalb der Mauer kein Haus und auch nicht die Spur eines ehemaligen Hauses; alle Häuser stehen innerhalb der Mauer, aber für eines mehr ist kein Platz. Es besteht kein Zwischenraum zwischen der Mauer und dem ersten Häuserring; nein, die Stadtmauer selbst ist die Rückwand des ersten Häuserringes, und die Dächer ragen ein Stückchen über die Mauer hinaus und versehen diese dadurch mit Traufen. Die einheitliche Höhe der dicht gedrängten Dächer wird von den herausragenden Türmen der zerstörten Burg und den hohen Glockentürmen mehrerer Kirchen anmutig unterbrochen und aufgelockert; daher bietet Dilsberg aus der Ferne eher den Anblick einer Königskrone als den einer Kappe. Diese hohe, grüne Erhebung und ihre wunderliche Krone geben im Schein der Abendsonne ein sehr eindrucksvolles Bild ab, das kann man glauben.
 
Wir setzten in einem Boot über und begannen den Aufstieg auf einem engen, steilen Pfad, der uns sogleich in den laubreichen Tiefen des Buschwerks untertauchen ließ. Aber es waren keineswegs kühle Tiefen, denn die Sonne brannte heiß, und es ging wenig oder gar kein Wind, um die Hitze zu mildern. Während wir die steile Steigung hinaufkeuchten, begegneten wir gelegentlich braunen, bloßköpfigen und barfüßigen jungen und Mädchen und manchmal Männern; sie prallten unvermittelt auf uns, grüßten, verschwanden in den Büschen und waren so plötzlich und geheimnisvoll weg, wie sie gekommen waren. Sie gingen zur Arbeit auf das andere Ufer des Flusses. Viele Generationen dieser Leute haben den Pfad beschritten. Stets sind sie in das Tal hinuntergezogen, um ihr Brot zu verdienen, aber stets haben sie wieder ihren Berg bestiegen, um es zu essen und um in ihrer gemütlichen Stadt zu schlafen.
 
Es heißt, dass nicht viele Dilsberger auswandern; sie finden, dort oben über der Welt, in ihrem friedlichen Nest zu wohnen, sei angenehmer als unten in der unruhigen Welt. Die siebenhundert Einwohner sind auch alle miteinander blutsverwandt; sie sind seit fünfzehnhundert Jahren immer miteinander blutsverwandt gewesen; sie sind einfach eine große Familie, und sie mögen Einheimische lieber als Fremde; deswegen bleiben sie beharrlich zu Hause. Man hat behauptet, dass Dilsberg seit vielen Menschenaltern nur noch eine blühende, betriebsame Idiotenfabrik sei. Ich habe dort keine Idioten gesehen, aber der Kapitän sagte-. »Weil in den letzten Jahren die Regierung dazu übergegangen ist, sie in Heilanstalten und anderswohin zu verschleppen; und die Regierung will auch die Fabrik lahm legen und versucht, diese Dilsberger dazu zu bewegen, dass sie außerhalb der Familie heiraten, aber das mögen sie nicht.«
 
Wahrscheinlich hat sich der Kapitän das alles ausgedacht, denn die moderne Wissenschaft bestreitet, dass Verwandtenehen ein Geschlecht verdürben.
 
Innerhalb der Stadtmauer angelangt, fanden wir die üblichen Dorfbilder und das übliche Dorfleben vor. Wir gingen eine enge, krumme Gasse entlang, die im Mittelalter gepflastert worden war. Ein stämmiges, rotbackiges Mädchen klopfte gerade in einem kleinen, schuhschachtelgroßen Schuppen Flachs oder irgend so ein Zeug, und sie schwang mit Begeisterung ihren Dreschflegel - wenn es ein Dreschflegel war; ich bin nicht Landmann genug, um zu wissen, was sie vorhatte. Ein schlampiges, barfüßiges Mädchen hütete mit einem Stock ein halbes Dutzend Gänse - trieb sie die Gasse entlang und hielt sie aus den Wohnungen heraus. Ein Böttcher arbeitete in einer Werkstatt, in der er nichts so Großes wie ein Weinfass herstellte, das weiß ich, denn es war kein Platz dafür. Mädchen und Frauen kochten oder spannen in den Vorderzimmern der Wohnungen, und Enten und Hühner watschelten über die Schwelle hinein oder heraus, wobei sie zufällig daliegende Krumen aufpickten und sich angenehm unterhielten. Ein sehr alter, runzliger Mann saß vor seiner Tür und schlief, das Kinn auf der Brust und die erloschene Pfeife auf dem Schoß. Überall die Gasse entlang spielten schmutzige Kinder im Dreck und ließen sich nicht von der Sonne stören.


"Dorfstraße von Dilsberg"
Adolf Hacker 1873 - 1943  Ein Künstler des malerischen Realismus

Mit Ausnahme des schlafenden alten Mannes waren alle an der Arbeit, aber dennoch war der Ort still und friedlich; so still, dass das ferne Gackern der erfolgreichen Henne an unser Ohr drang, ohne durch dazwischentönende Laute erheblich gedämpft zu werden. Das verbreitetste aller Dorfbilder fehlte hier: die öffentliche Pumpe mit ihrem großen Steinbecken oder -Trog voll klaren Wassers und die dazugehörige Gruppe tratschender Wasserträger mit ihren Krügen; denn auf diesem hohen Berge gibt es keinen Brunnen, keine Quelle; man benutzt Zisternen mit Regenwasser.
 


"Stadtseitige Ansicht vom Dilsberger Torturm"
Adolf Hacker 1873 - 1943  Ein Künstler des malerischen Realismus
 

Unsere Bergstöcke und Musselinschwänze erregten Aufmerksamkeit, und während wir durch den Ort schritten, sammelten wir eine beträchtliche Prozession kleiner Jungen und Mädchen auf, so dass wir mit ziemlichem Pomp zur Burg zogen. Sie erwies sich als umfangreicher Komplex zerbröckelnder Mauern, Gewölbe und Türme, massig, zu malerischer Wirkung gruppiert, voller Unkraut, grasbewachsen und durchaus zufriedenstellend. Die Kinder dienten uns als Fremdenführer; sie führten uns auf der Krone der höchsten Mauern entlang, nahmen uns dann mit in einen hohen Turm und zeigten uns eine weite, schöne Landschaft, die auf der einen Seite wogende Weiten bewaldeter Berge und eine nähere Aussicht auf wellige Striche grünen Tieflands, auf der anderen Seite mit Burgen geschmückte Felsen und Bergketten umfasste, während der Neckar in leuchtenden Schleifen dazwischen hinfloß. Aber das wichtigste Schaustück, der größte Stolz der Kinder, war der alte und leere Brunnen im grasbewachsenen Schlosshof. Seine massive, steinerne Einfassung erhebt sich drei oder vier Fuß über den Boden und ist heil und unbeschädigt. Die Kinder sagten, im Mittelalter sei dieser Brunnen vierhundert Fuß tief gewesen und habe in Krieg und Frieden das ganze Städtchen reichlich mit Wasser versorgt. Sie sagten, in jener alten Zeit habe sein Grund unter dem Neckarspiegel gelegen, daher sei die Wasserzufuhr unerschöpflich gewesen.
 

     

 
Aber einige meinten, er sei überhaupt gar kein Brunnen und niemals tiefer als jetzt gewesen, nämlich achtzig Fuß; in dieser Tiefe zweige ein unterirdischer Gang ab und führe allmählich abwärts zu einer entfernten Stelle im Tal, wo er in einen Keller oder einen anderen verborgenen Winkel münde, und das Geheimnis dieses Ortes sei jetzt verloren gegangen. Diejenigen, die zu dieser Annahme neigen, sagen, das würde erklären, warum Dilsberg, das Tilly und mancher an dem Feldherr vor ihm belagert habe, niemals eingenommen worden ist: nach den längsten und härtesten Belagerungen bemerkten die Belagerer immer erstaunt, dass die Belagerten so fett und heiter wie nur je waren und auch gut mit Munition versehen - also müsse es so gewesen sein, dass die Dilsberger die ganze Zeit hindurch diese Dinge durch den unterirdischen Gang herangeschafft hätten.
 

   

 
Die Kinder sagten, es gäbe da unten tatsächlich einen unterirdischen Ausgang, und sie wollten es beweisen. Sie setzten also ein großes Strohbündel in Brand und warfen es in den Brunnen hinein, während wir uns über die Einfassung beugten und beobachteten, wie die glühende Masse hinab sank. Sie fiel auf den Grund und brannte allmählich aus. Es kam kein Rauch herauf. Die Kinder klatschten in die Hände und sagten: »Sehen Sie wohl! Nichts raucht so sehr wie brennendes Stroh - also wohin ist der Rauch gezogen, wenn kein unterirdischer Ausgang da wäre?«
 
Es war also ganz augenscheinlich, dass es den unterirdischen Gang wirklich gab. Aber das Schönste im Bereich der Ruine war eine prachtvolle Linde von der die Kinder sagten, sie wäre vierhundert Jahre alt, und so alt war sie zweifellos. Sie hatte einen mächtigen Stamm, und Äste und Laub besaßen eine beträchtliche Spannweite. Die Äste in der Nähe des Bodens waren beinahe fassdick. 
 

Ansichtskarte ca. 1910 Frühjahr 1925

 
Dieser Baum hatte die Angriffe gepanzerter Männer miterlebt - wie fern scheint eine solche Zeit zu liegen, und wie unbegreiflich ist die Tatsache, dass wirkliche Menschen jemals in wirklichen Rüstungen gekämpft haben!-, und er hatte die Zeit erlebt, als diese zerstörten Gewölbe und zerbröckelnden Zinnen eine schmucke, starke und stattliche Festung bildeten, die ihre bunten Banner in der Sonne wehen ließ und mit tätigen Menschen bevölkert war - wie unglaublich lange scheint das her zu sein! -, und hier steht er noch und wird möglicherweise immer noch hier stehen, sich sonnen und seine Träume aus geschichtlicher Vergangenheit träumen, wenn sich das Heute den Tagen hinzugesellt haben wird, die man »die alte Zeit« nennt.
 
Na schön, wir setzten uns zum Rauchen unter den Baum, und der Kapitän entledigte sich seiner Sage.
 
 Die Sage der Burg Dilsberg
 
Das war so. In alter Zeit war im Schloss einmal eine große Gesellschaft versammelt, und die Festfreude schlug hohe Wellen. Natürlich gab es ein Spukzimmer im Schloss, und eines Tages war davon die Rede. Es hieß, dass jeder, der darin schliefe, erst fünfzig Jahre später wieder erwachte. Als das aber ein junger Ritter namens Konrad von Geisberg hörte, sagte er, wenn das Schloss ihm gehörte, würde er jenes Zimmer zerstören, damit kein Tor die Möglichkeit hätte, ein so furchtbares Unglück über sich zu bringen und diejenigen, die ihn liebten, durch die Erinnerung daran zu quälen. Prompt steckte die Gesellschaft heimlich die Köpfe zusammen, um einen Weg auszuhecken, wie man diesen abergläubischen jungen Mann dazu bekäme, in jener Kammer zu schlafen. Und es gelang ihnen - wie folgt. Sie überredeten seine Braut, ein liebliches, mutwilliges junges Geschöpf, Nichte des Schlossherrn, ihnen bei ihrem Komplott zu helfen. Sie nahm ihn sogleich beiseite und sprach mit ihm. Sie wandte alle Überredungskünste an, konnte ihn aber nicht erschüttern; er sagte, er glaube fest daran, dass er fünfzig Jahre lang nicht mehr erwachen würde, wenn er dort schliefe, und es schauderte ihn, daran zu denken. Katharina fing an zu weinen. Das war ein besseres Argument; Konrad konnte ihm nicht standhalten. Er gab nach und sagte, sie solle ihren Willen haben, wenn sie nur wieder lächeln und froh sein wolle. Sie schlang die Arme um seinen Hals, und die Küsse, die sie ihm gab, bewiesen, dass ihre Dankbarkeit und ihre Freude sehr echt waren. Dann eilte sie, der Gesellschaft von ihrem Erfolg zu berichten, und der Beifall, den sie erhielt, machte sie froh und stolz, ihren Auftrag übernommen zu haben, denn sie hatte ganz allein geschafft, was der Menge misslungen war.
 
An jenem Abend wurde Konrad nach dem üblichen Festmahl um Mitternacht zum Spukzimmer gebracht, und dort ließ man ihn. Er schlief allmählich ein.
 
Als er wieder erwachte und um sich blickte, stockte ihm vor Entsetzen das Herz! Die Kammer sah ganz anders aus. Die Wände waren moderig und hingen voll alter Spinnweben; die Vorhänge und das Bettzeug waren verkommen; die Einrichtung war wackelig und drohte auseinanderzufallen. Er sprang aus dem Bett, aber die zitternden Knie gaben unter ihm nach, und er fiel zu Boden.
 
»Das ist die Altersschwäche«, sagte er.
 
Er stand auf und suchte seine Kleidung. Es war keine Kleidung mehr. Die Farben waren dahin, die Gewänder rissen an vielen Stellen ein, während er sie anzog. Schaudernd floh er auf den Gang hinaus und ihn entlang bis zum großen Saal. Hier begegnete er einem Fremden mittleren Alters mit freundlichem Gesicht, der stehen blieb und ihn überrascht anblickte.

Konrad sagte: »Guter Herr, möchtet Ihr Herrn Ulrich herschicken?«
Der Fremde schaute einen Augenblick lang verwirrt drein, dann sagte er: »Herrn Ulrich?«
»ja - wenn Ihr so gut sein wollt.«
Der Fremde rief: »Wilhelm!«
Ein junger Diener kam, und der Fremde sagte zu ihm.» Befindet sich unter den Gästen ein Herr Ulrich?«
»Ich kenne niemanden dieses Namens, so es Euer Gnaden gefällt. «
Konrad sagte zögernd: »Ich meinte keinen Gast, sondern den Schlossherrn.«
Der Fremde und der Diener wechselten verwunderte Blicke. Dann sagte ersterer: »Ich bin der Schlossherr.«
»Seit wann?«
»Seit dem Tode meines Vaters, des guten Herrn Ulrich, vor mehr als vierzig Jahren.«
Konrad sank auf eine Bank nieder und bedeckte das Gesicht mit den Händen, wiegte sich hin und her und stöhnte. Der Fremde sagte mit leiser Stimme zum Diener: »Ich fürchte, dieser arme Mensch ist verrückt. Rufe jemanden.«
Sogleich kamen mehrere Leute und stellten sich flüsternd ringsherum auf. Konrad blickte auf und prüfte eindringlich die Gesichter um sich her. Dann schüttelte er den Kopf und sagte mit kummervoller Stimme:
»Nein, es ist keiner unter euch, den ich kenne. Ich bin alt und allein auf der Welt. Alle, die mich gern hatten, sind tot und seit vielen Jahren dahin. Aber sicher können einige dieser Alten, die ich um mich herum sehe, mir etwas über sie sagen. «
Mehrere gebeugte und zitternde Männer und Frauen kamen heran und beantworteten seine Fragen über jeden früheren Freund, sowie er die Namen nannte. Dieser, so sagten sie, sei schon zehn Jahre tot, jener schon zwanzig, ein anderer schon dreißig. Jeder neue Schlag traf schwerer und schwerer.
 
Schließlich sagte der Gequälte: »Da ist noch jemand, aber ich habe nicht den Mut zu - oh, meine verlorene Katharina!«

Eine der alten Frauen sagte: »Ach, ich kenne sie gut, arme Seele! Ihren Liebsten traf ein Unglück, und aus Kummer starb sie vor fast fünfzig Jahren. Sie liegt unter der Linde draußen im Hof.«
 
Konrad senkte den Kopf und sagte: »Ach, warum bin ich nur aufgewacht! Sie starb also aus Kummer um mich, das arme Kind! So jung, so süß, so gut. Sie hat im ganzen kurzen Sommer ihres Lebens nie wissentlich etwas Böses getan. Ihre Liebesschuld soll beglichen werden - denn ich will vor Kummer um sie sterben.«
 
Sein Kopf sank ihm auf die Brust. Plötzlich gab es einen tollen Ausbruch lustigen Gelächters, ein paar runde, junge Arme flogen Konrad um den Hals, und eine süße Stimme rief: »Hier, mein Konrad, deine lieben Worte bringen mich um - die Posse soll nicht weitergehen! Kopf hoch und lache mit - es war alles nur ein Scherz!«

Er schaute auf und starrte sie betäubt vor Verwunderung an - denn die Verkleidungen fielen, und die alten Männer und Frauen waren wieder frisch, jung und lustig.
 
Katharinas fröhliches Mundwerk lief weiter: »Es war ein fabelhafter Spaß, und großartig gemacht. Sie haben dir ein starkes Schlafmittel gegeben, bevor du zu Bett gingst, und in der Nacht haben sie dich in eine verfallene Kammer gebracht, wo alles vom Alter verwittert ist, und diese Kleiderfetzen neben dich gelegt. Und als du ausgeschlafen hattest und herauskamst, waren hier zwei Fremde, die ihre Rollen gut beherrschten, um dich zu empfangen; und wir alle, deine Freunde, standen verkleidet in der Nähe, um zuzusehen und zuzuhören, darauf kannst du dich verlassen. Oh, das war ein großartiger Spaß! Nun komm, bereite dich auf die Freuden des Tages vor. Wie echt war dein Jammer in dem Augenblick, armer Kerl! Kopf hoch und lache!«
 
Er blickte auf, forschte geistesabwesend in den fröhlichen Gesichtern, seufzte dann und sagte: »Ich bin müde, gute Freunde; ich bitte euch, führt mich zu ihrem Grab.«
 
Jedes Lächeln schwand, alle Wangen erbleichten, Katharina sank ohnmächtig zu Boden.
 
Den ganzen Tag über gingen die Leute mit bekümmerten Mienen im Schloss umher und verständigten sich halblaut miteinander. Ein quälendes Schweigen herrschte an dem Ort, der vor kurzem so voll fröhlichen Lebens gewesen war. Alle versuchten nacheinander, Konrad seinem Wahne zu entreißen und ihn zu sich zu bringen; aber die einzige Antwort, die jeder erhielt, waren ein demütiger, verwirrter Blick und die Worte: »Guter Fremder, ich habe keine Freunde, alle sind vor vielen Jahren zur Ruhe gegangen. Ihr sprecht freundlich zu mir, Ihr meint es gut mit mir, aber ich kenne Euch nicht; ich bin allein und verlassen auf der Welt - bitte, führt mich zu ihrem Grab.«
 
Zwei Jahre lang verbrachte Konrad seine Tage vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein unter der Linde und trauerte über dem imaginären Grab seiner Katharina. Katharina war die einzige Gesellschafterin des harmlosen Irren. Er war sehr freundlich zu ihr, denn er sagte, in mancher Hinsicht erinnere sie ihn an seine Katharina, die er »vor fünfzig Jahren« verloren hätte. Oft sagte er: »Sie war so fröhlich, so übermütig - aber Ihr lächelt niemals; und immer, wenn Ihr denkt, ich sehe es nicht, weint Ihr.«
 
Als Konrad starb, begrub man ihn nach seiner Weisung unter der Linde, damit er »bei seiner armen Katharina« ruhen könne. Dann saß Katharina allein unter der Linde, jeden Tag von Morgen bis Abend, viele Jahre lang, sprach mit niemandem und lächelte nie; und schließlich wurde ihre lange Reue mit dem Tode belohnt, und sie wurde an Konrads Seite beerdigt.
 


"Die alte Linde sammt dem Eingangsthore zu Dilsberg im Jahre 1866"
Philibert von Graimberg: Aquarell . Heimatmuseum Neckargemünd
 

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Was die Sage von Mark Twain angeht (über Katharina usw.), so habe ich diese alten Dilsberger Bürgern mit profundem Dorfwissen vorgelegt, sie ist im Ort Dilsberg unbekannt. ( Ortsvorsteher Stefan Wiltschko Dilsberg 1985)

 
Zum Text:
Der durchlaufende Text ist der deutschen Übersetzung des Buches"A TRAMP ABROAD" von Mark Twain entnommen. In deutscher Sprache unter dem Titel "BUMMEL DURCH EUROPA"  im Hanser-Verlag erschienen.
weitere Quellen: Mark Twain "EIN AMERIKANER IN HEIDELBERG" herausgegeben von Werner Pieper.  Sein Bummel durch Deutschland  1878.

     

 
Mark Twain ist in seinem Reisebericht, was das Kapitel über den Dilsberg betrifft, erstaunlich in die Details gegangen, was den Schluss nahelegt, dass er selber auf dem Dilsberg war. Diese Details betreffen:
a) die Schilderung der Landschaft um den Dilsberg
b) die Behauptung von der Inzucht über die Dilsberger Familien (historisch völlig unsinnig, da Dilsberg wie kein anderer Ort bei Heidelberg aufgrund seiner militärischen Nutzung der Bevölkerungsfluktuation ausgesetzt war!)
c) die Schilderung des Dilsberger Burgbrunnens und seines damals nur sagenhaft existierenden Brunnenstollens.
Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Mark Twain von all diesen Details nur gehört und dann daraus seinen anschaulichen Reisebericht geschrieben haben könnte. Bei aller Fabulierkunst von Mark Twain scheint mir demnach sicher zu sein, dass Mark Twain wirklich auf dem Dilsberg weilte.
(Ortsvorsteher Stefan Wiltschko, Dilsberg 1985)

 
Quelle: Mark Twain "EIN AMERIKANER IN HEIDELBERG" herausgegeben von Werner Pieper (Der Grüne Zweig 102).  Sein Bummel durch Deutschland  1878.