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Jesus: ein Loser für Loser?
Vortrag von Herrn Prof. Michael Welker
über eine Revolution in der Leben-Jesu-Forschung
 
Am 07. Oktober konnte die Vorsitzende des Fördervereins der evangelischen Kirche Dilsberg im ev. Gemeindehaus zahlreiche Gäste begrüßen, die etwas über den historischen Jesus erfahren wollten.
 
Herr Dr. Welker ist Professor für Systematische Theologie an der Uni Heidelberg und Direktor des Forschungszentrums für Internationale und Interdisziplinäre Theologie in Heidelberg. Er begann seinen Vortrag mit der Feststellung, dass, wenn man einen „Mann des Jahrtausends“ wählen würde, Jesus von Nazareth diesen Titel schon zweimal errungen hätte. Und das, obwohl er angeblich von norddeutschen Konfirmanden als „Loser für Loser“ bezeichnet wurde wegen seinem armseligen Dasein in einer Krippe und dem elenden Kreuzestod. Nein, er sei die Offenbarung Gottes auf Erden mit religiöser, ethischer, kulturschöpferischer und sogar politischer Ausstrahlung über Jahrhunderte hinweg in der ganzen Welt. Heutzutage geht man davon aus, dass 70% aller Deutschen in irgendeiner Weise religiös sind, in den USA sind es 80% und in Afrika sogar 90%. Es gibt also eine starke religiöse Prägung in allen Bereichen.  
 
Dass Jesus tatsächlich gelebt hat, wird in der Wissenschaft dadurch belegt, dass es vier vollständig erhaltene Biografien (Evangelien) gibt und zehn weitere theologische Autoren des Neuen Testaments und weitere außerbiblische Autoren auf Jesus Bezug nehmen (Klaus Berger). Jedoch konnte man sich in der Forschung dieser historischen Gestalt Jesus bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht annähern, man begegnete ihm nur in „legendarischer Übermalung“ in den biblischen Texten. Diese Situation änderte sich dann radikal durch eine neuere Forschung.
 
Den Anfang dieser Forschung machte der geniale Albert Schweitzer, der die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung ab 1778 bis in seine Tage in einem noch heute lesenswerten Buch beschrieb. Er bezieht sich auf verschiedene Schriften, in denen die Schriftsteller jeweils eine andere Perspektive der Evangelien im Neuen Testament sehen. Es gibt verschiedene Darstellungen bis hin zu Jesu Zugehörigkeit zu geheimen Organisationen, wie es heute z.B. in Dan Browns „Da Vinci Code“ beschrieben wird. Am Schluss kommt Albert Schweitzer zu der Erkenntnis, dass man den historischen Jesus nicht erfassen kann. Damit war der „Leben-Jesu-Forschung ein Denkmal gesetzt und ihr gleichzeitig die Grabrede gehalten“ (Günter Bornkamm, Heidelberg).
 
Die zweite Phase der Forschung ist zumindest in der deutschen Wissenschaft geprägt durch Skeptizismus, da man nur „legendarische Übermalungen“ aber keine authentischen Aussagen Jesu hat. Man versucht außerdem, Jesus auf eine zentrale Rolle und Botschaft festzulegen.
 
Jetzt kommt es in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts speziell in den USA zu einer Revolution in der Forschung. Es wird die „dritte Frage nach dem historischen Jesus“ behandelt, die durch mehrere Entwicklungen gekennzeichnet ist.
 
Durch Ausgrabungen werden Sportstätten, Theater, ein Hippodrom und Inschriften vieler Sprachen gefunden. Hier wird belegt, dass es zu Lebzeiten Jesu viele Personen gegeben hat, die im Neuen Testament genannt werden.
 
Durch diese archäologischen Funde wurde eine Textarchäologie inspiriert, die John Crossan, ein ehemaliger katholischer Priester, meisterlich beherrschte. Er sammelte 522 Texte innerhalb und außerhalb der Bibel, die auf Worte und Taten Jesu verweisen. In diesen Texten prüfte er, wie häufig die einzelnen Worte und Taten Jesu belegt sind. Es sind z.B. 105 davon doppelt belegt. Als besonders interessant kommt darin die Aussage: „Lasst die Kinder zu mir kommen“ vor. Erkenntnis: Jesus hat die Elementarbedürfnisse der Menschen erkannt – Nahrung, Heilung und soziale Annahme.
 
Diese zu einseitige Ansicht wird in weiteren Entwicklungen korrigiert durch „Rekonstruktionen des Lebens Jesu im Judentum seiner Zeit“ durch den Gelehrten Geza Vermes und den Heidelberger Gerd Theißen, der sich stärker mit der römischen Weltmachtpolitik und der Ausbreitung des frühen Christentums in den Stadt- und Landbevölkerungen und unter den Heiden beschäftigt. In den ein bis drei Jahren seines öffentlichen Wirkens hat Jesus sich besonders durch den Gang nach Jerusalem in Konflikte mit der Weltmacht Rom, der Jerusalemer Aristokratie und den religiösen Eliten gebracht. Es verschworen sich alle Mächte wie Recht, Religion, Politik, öffentliche Meinung und sogar seine Jünger gegen ihn.

Als letzte Erkenntnis der dritten Frage nach dem historischen Jesus ist die Erkenntnis, dass Jesus nach seiner Kreuzigung als „Kyrios“, als Gottes Sohn, als „Gott von Gott“ angesehen wird. Die frühen Christen werden als „die, die den Herrn anrufen“ bezeichnet. Man geht von einer sog. „Hohen Christologie“ aus. Diese Forschung haben Martin Hengel und Larry Hurtado entwickelt.
 
Herr Prof. Welker fragt nun nach einem systematischen Zusammenhang dieser verschiedenen Forschungsrichtungen. Er möchte eine „vierte Frage nach dem historischen Jesus“ entwickeln. Er möchte das Leben Jesu in den verschiedenen Kontexten würdigen. Dabei beschreibt er vier Multikontextualitäten.
 
Die erste Kontextualität beschäftigt sich mit Jesu Leben und Wirken. Die zweite mit den verschiedenen biblischen Autoren, die Leben und Lehre Jesu auch verschieden gewichten. Die dritte Kontextualität betrifft die alttestamentlichen Verheißungen und Heilserwartungen der neutestamentlichen Texte. Wie stimmen diese mit den „legendarischen Übermalungen“ überein? In der vierten Multikontextualität geht es um verschiedene Weltbilder und religiösen, politischen, weltanschaulichen und moralisch-ethischen Interessen der Geschichte und Gegenwart des historischen Jesus.
 
„Wie weit konzentrieren sie sich tatsächlich auf Jesus, sein Leben und seine Verkündigung und wieweit verfolgen sie alle möglichen Interessen, die die Macht und Aura seiner extremen Ausstrahlung und Wirkungsgeschichte gern für sich in Anspruch nehmen möchten?“

Herr Prof. Welker beendet seinen Vortrag mit der Aussicht, dass noch sehr viel Forschungsarbeit vor ihm und seinen Kollegen liegt und dass der „historische Jesus“ noch viele Fragen offen lässt, man aber weiter dieser Arbeit sowohl von theologischer als auch geistlicher Sicht große Bedeutung beimisst.
  
Anschließend ergab sich noch eine interessante Diskussion, bevor Frau Ulrich-Brox sich mit einem Geschenk bedankte und die Bitte aller Anwesenden an Herrn Prof. Welker aussprach, in Zukunft wieder einen Vortrag zu halten.
 
Es gibt verschiedene Veröffentlichungen von Herrn Prof. Welker.
Im Zusammenhang mit seinem Vortrag verweist er auf sein Buch: Gottes Offenbarung, Christologie, erschienen 2012, ISBN 978-3-7887-2495-5
  
Bilder: Rupert Dworschak
Text: Annegret Boehner
(verschiedene Passagen wurden wörtlich übernommen)
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09.10.2014
 
Der bei www.dilsberg.de eingereichte Bericht wurde unverändert veröffentlicht. Für den Inhalt im Sinne des Pressegesetzes von Baden-Württemberg (§1 - §26) ist der Autor verantwortlich.