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Literaten tauchen ein in eine andere Welt
Stipendiaten genießen konzentriertes Arbeiten im Kommandantenhaus
3. März 2014
 
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Im Februar haben die Frühjahrsstipendiaten der Kulturstiftung Rhein-Neckar-Kreis ihr Domizil im Kommandantenhaus auf dem Dilsberg bezogen und sich inzwischen gut eingelebt. Antje Wagner und Alexander Graeff schätzen den Rückzug und das Eintauchen in eine andere Welt. Sie stammt aus Ostdeutschland und hat in Potsdam und Manchester deutsche und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften studiert. Er ist in Bad Kreuznach aufgewachsen, studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Den historischen Kontext mit dem idyllischen Gebäude finden beide ebenso spannend, wie die faszinierende Rundumaussicht auf die frühlingserwachende Landschaft.  
 
Mit sieben Jahren schrieb Antje Wagner ihr erstes Gedicht und entdeckte als Jugendliche ihre künstlerische Ader. „Man merkt, dass man etwas in sich hat, das man ausdrücken möchte, das schwierigste ist der Weg.“ Sie habe vieles ausprobiert, Musik, Schauspiel, Zeichnen, Sport, bis sie ein vergessener Fotoapparat in Manchester veranlasste, ihre Eindrücke auf Papier festzuhalten und merkte, es ist das Schreiben. Deshalb möchte sie auch andere ermutigen ihren Weg weiterzugehen. Heute schreibt sie Romane und Erzählungen für Jugendliche und Erwachsene. Es gebe viele interessante Figuren und um diese zu beschreiben benötige sie mehr als das Sehen. Erst aus verschiedenen Einflüssen heraus entstehe eine Dreidimensionalität und somit authentische Geschichten, ausschließlich aus der Fantasie funktioniere das nicht. So wie bei ihrem Jugendroman „Vakuum“ für den sie ein Jahr lang recherchierte. Ihre Lieblingsperson „Kora“ ist ein 16-jähriges Mädchen im Gefängnis, deshalb sprach sie mit inhaftierten Mädchen, einem Gefängniskoch und sichtete so lange Material, bis sie eines Nachts aufschreckte und die Enge spürte, da wusste sie: „Jetzt bist du drin, jetzt kannst du schreiben.“  
 
Seine Faszination für die Philosophie kam zuerst und erst danach die Literatur. Bücher hat Alexander Graeff erst spät mit 15 Jahren entdeckt und fand den Zugang über Sachbücher. So versteht sich, dass seine ersten Essays über Beobachtungen von der Welt im journalistischen Stil gehalten sind. Er schreibt über Menschen die sich entwickeln, die sich von ihrer Herkunft lösen, vom Stadt-Landgefälle. Auf dem Dorf groß geworden, kennt er die Enge und sagt: „Man kann über eine Stadt nur schreiben, wenn man die Provinz kennt.“ Er hält es wie John Irving in Garp, ist in jeder seiner Geschichten dabei und dennoch sind sie erfunden. Auf der Leipziger Buchmesse stellt er sein neustes Werk „Kebehsenuf“ vor. Geschichten, die das Element der Sehnsucht nach der verlorenen familiären Herkunft, nach anderen Menschen und nach einem Wort für das Selbst verbindet. „Man kann schnell sagen was fremd ist, aber kaum sagen was das Eigene ausmacht.“, stellt er fest und nutzt Auszeiten, um eigene Gedanken zu reflektieren.  
 
Von der Großstadt auf den Dilsberg, das war eine Umstellung, Busse fahren nur stündlich, Restaurants sind nicht immer geöffnet, Geschäfte haben eine Mittagspause: „Das alltägliche Leben in Dilsberg bin ich so nicht mehr gewohnt.“ Dennoch schätzt er den Rückzug in die Provinz und bezeichnet es positiv als Eintauchen in eine andere Welt. Heidelberg, Neckargemünd, Dilsberg zählt er im sozialen Kontext zu den reichsten Gegenden, die viel Kultur bieten und die Weltoffenheit der Kulturstiftung gefalle ihm sehr. „Provinz ist nicht per se Enge, sondern kann Weltgewandtheit mit Rückzugsmöglichkeit sein und spannend.“ Das Stipendium ermöglicht beiden konzentriertes Arbeiten und sie bekennt: „Zu Hause hängt man fest an bestimmten Mustern, hier ist die Möglichkeit aus der eigenen Bilderschau rauszukommen.“  
 
Auf die Zukunft des Buches angesprochen sagt die Stipendiatin, „ein Buch ist mehr als sein Inhalt, ein Buch ist auch Gestaltung“, und er ergänzt, „E-Books sind flüchtige Verfahren, bei denen die Gestaltung verloren geht.“ Sprache ist Material und bedeute, eigene Inhalte, keine Kopien, da jeder spricht, sei für Literaten die Abgrenzung von Alltagssprache schwer. Das Schreiben ist jedoch nur eine Seite, Kommunikation, Lesungen, Reisen und Workshops die andere. Deshalb besucht sie gerne Schulen und stellt ihren Beruf vor, während er mit dem Projekt „Literatur in Weißensee“ die Literatur ankurbelt. Als Mythos bezeichnen beide die Vorstellung vom Schriftsteller, der zu Hause sitzt und einmal ins Café geht, um seinem Verleger das Manuskript zu übergeben. Zum Schreiben gehöre die Präsentation: „Von solchen Veranstaltungen leben wir!“
  
Weitere Infos zu Antje Wagner und Alexander Graeff sowie Termine der nächsten Lesungen.
  
  
Text: boe
Bilder: bz
© www.dilsberg.de   03.03.2014
  
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