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„Bezahlt wird immer“
Das Theater Carnivore begeisterte das Publikum auf dem Dilsberg
09. Juli 2017
    
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Theater Carnivore, schon der Name des Theaters lässt auf besonderes Theater schließen. Florian Kaiser, der Autor des Stückes „Bezahlt wird immer“ will mit seiner Wanderbühne zu den Wurzeln des Theaters zurück. Die ersten Theaterstücke wurden schließlich ebenfalls von Wandertheatern aufgeführt. Derbe Stücke stehen auf dem Spielplan, ein bisschen wie Kasperletheater für Erwachsene und doch ungeheuer tiefsinnig.
 
Schon die Kulisse am Sonntagabend des 9. Juli war atemberaubend. Die Bühne, die von einem alleine aufgebaut werden kann, stand auf dem Plateau bei der Burgbühne. Im Rücken der Zuschauer die Burg und seitlich die weite Aussicht ins Neckartal. Ein paar Tropfen regneten auf das gespannte Publikum herab, doch keiner ließ sich von den Regenwolken vertreiben. Eine gute Entscheidung, das zeigte sich schon nach den ersten Minuten des Stückes:
  
„Schöner Atmen“ heißt einer der Kurse die Guru (Eric Haug) und Scarpin (Markus Schultz) in ihrem „Zentrum für innere Einkehr und äußerstes Wohlbefinden“ anbieten. Doch keiner will die Kurse in ihrem heruntergekommenen Quartier in der Toskana buchen, obwohl sich Guru mit seinem „Bluttränen-Wein-Wunder“ alle Mühe gibt. Die Beiden sind pleite und ihre Ernährung besteht aus den trockenen Keksen der Exfrau des Vermieters Palazzi. Dieser wiederum sitzt den beiden Scharlatanen (bewaffnet!) im Nacken, denn Guru hatte seiner Frau zu mehr „innerer Freiheit“ geraten. Da kommt die steinreiche und todtraurige Frau Müller gerade recht. Sie bucht einen Kurs, aber „nix mit anfassen!“ als Guru einen „tiefen Schmerz in ihrer Aura“ spürt. Die trostbedürftige Frau Müller ist begeistert von den unkonventionellen Methoden der Beiden, die sich für keine Religion entscheiden, sondern von allem etwas nehmen. „Üben sie sich mal in Fürsorge und machen sie mir mal einen Café“ rät Guru der weinenden Frau Müller. Während Frau Müller sich den besonderen Methoden hingibt hat Guru den perfekten Plan. Scarpin soll Frau Müller verführen und erpressbar machen. Bei einem Dinner aus sauren Gurken fühlt sich Frau Müller „in dieser ärmlichen Hütte richtig verstanden“ ihr Versuch wiederum Scarpin bei einer Nacht im Hotel für sich zu gewinnen, scheitert, denn dieser schnarcht nach ein paar Minuten vor sich hin. Als Frau Müller schon denkt, Scarpin sei durch und durch „eine Negativbilanz“, klappt Gurus Plan doch noch. Scarpin hat ausreichend mit einer aufblasbaren Statistin geübt und Frau Müller ist fest entschlossen: „Jetzt bist du fällig!“ Guru steht mit der Kamera im Schrank bereit. Wie ein italienischer Mafiaboss will Guru das Erpressungsmaterial vorführen, doch zu seinem Erschrecken fehlt der interessante Teil. Der sensible Scarpin hat den ganzen Akku leer gequatscht.
 
Die Zuschauer lehnten sich entspannt zurück und freuten sich nun auf ein Happy-End. Nicht mit dieser Komödie, denn es lösen sich Schüsse. Scarpin plappert noch fröhlich, während das Blut aus Frau Müllers Mund sprudelt. „Hier riecht es wie früher, wenn mein Vater Kaninchen geschlachtet hat“ stellt Guru kurz vor seinem Tod fest. Als Scarpin sich bewaffnet dem Vermieter stellen will, klingen Schüsse hinter der Bühne. Scarpin taumelt auf die Bühne: „Zwei Kugeln hätte ich noch gehabt“.
 
Begeistert applaudierte das Publikum dem Ensemble. Immer wieder mussten sich Rebekka Herl, Eric Haug und Markus Schultz verbeugen. Mit der derben Komödie hatte Florian Kaiser einen Nerv getroffen, das Publikum lachte oft und zeigte sich begeistert über den Wortwitz und die Situationskomik. Die Schauspieler sind hauptberufliche Profis, für Maske und Kostüm ist Marcela Snášelová zuständig und Motz Tietze baute das beeindruckende Bühnenkonstrukt. Viele der Szenen hatten eine groteske Komik inne und die geschminkte Maske Scarpins erinnerte an Stummfilmklassiker. „Eine Komödie ist doch eigentlich eine Tragödie, der man die Tragik abspricht“, sagte Autor Florian Kaiser. Diese Form des Theaters kam auf dem Dilsberg ausgesprochen gut an.

Text: Sarah Rondot
Bilder: Alex Müller RNZ
13.07.2017